Geschichte - Entwicklung der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie in Göttingen

Die Entwicklung des Faches in Göttingen bis 1985

1970 konnten nur wenige Medizinische Fakultäten auf historisch gewachsene Strukturen im Bereich der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie zurückgreifen, um die damals neue Approbationsordnung umzusetzen. In Göttingen gab es zu diesem Zeitpunkt bereits eine längere Tradition des Faches. Diese war durch den langjährigen Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie, Joachim Ernst Meyer (1963 bis 1985), und dem damaligen Direktor des Landeskrankenhauses Tiefenbrunn, Werner Schwidder, (1965 bis 1970) begründet worden.

In der Medizinischen Fakultät wurde 1975 die Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie aus der Psychiatrischen Klinik heraus gegründet. Die Leitung dieser Abteilung hatte bis 1985 Hanscarl Leuner (1919 – 1996) inne, der bereits seit 1959 einen entsprechenden Bereich innerhalb der Psychiatrischen Klinik aufgebaut und geleitet hatte.
Neben seinen großen Verdiensten für das psychodynamische und strukturelle Verständnis der Psychosen („Modell-Psychosen“) lagen die wissenschaftlichen Schwerpunkte Leuners insbesondere in der Erforschung der adjuvanten Anwendung von psychoaktiven Substanzen in der Psychotherapie, im Bereich imaginativer Psychotherapieverfahren sowie in der Entwicklung von Biofeedback-Verfahren zur Behandlung psychosomatischer Erkrankungen. Auf diesen Feldern leistete Leuner Pionierarbeit und gewann nationale und internationale Anerkennung.

Bereits 1970 war ebenfalls aus der Psychiatrischen Klinik heraus die Abteilung Psycho- und Soziotherapie gegründet worden, deren Leitung zwei Jahrzehnte bis 1990 Eckhard Sperling (1925 – 2007) innehatte. Unter seiner Ägide wurde diese Abteilung zu einem wichtigen Zentrum familientherapeutischer Forschung und Versorgung, von dem aus die Entwicklung der Familientherapie im deutschsprachigen Raum wesentliche Impulse erhielt.

Zuvor war bereits 1966 auf Anregung von Joachim Ernst Meyer hin die Ärztlich-Psychologische Beratungsstelle für Studierende der Universität Göttingen gegründet worden. Aufbau und Leitung dieser Institution übernahm ebenfalls Eckhard Sperling. Die Erforschung der besonderen psychosozialen Probleme und damit verbundener psychischer Erkrankungen bei Studierenden erfuhr von hier aus wesentliche Impulse; zugleich wurde eine wichtige Versorgungsinstitution mit einem differenzierten Behandlungsangebot aufgebaut, an der viele Generationen von Studierenden in psychischen Nöten und Krisensituationen eine fachkundige psychotherapeutische Hilfe erfahren haben.

Schließlich wurde 1974 die Forschungsstelle für Gruppenprozesse als zentrale universitäre Einrichtung gegründet; sie unterstand zunächst direkt dem Rektor der Universität bzw. dem späteren Präsidenten. Die Leitung hatte Annelise Heigl-Evers (1921 – 2002) inne. Nachdem diese 1977 den Ruf nach Düsseldorf auf den Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie angenommen hatte, übernahm nach einem Interregnum 1981 Karl König (geb. 1931) diese Institution, die von da an als Abteilung "Klinische Gruppenpsychotherapie" der Medizinischen Fakultät zugeordnet wurde.

Mit der Einführung der Zentrumsstruktur in der Medizinischen Fakultät wurde 1980 die Errichtung des "Zentrums Psychologische Medizin (seit 2001 Zentrum Psychosoziale Medizin)" mit den nachfolgenden Abteilungen beschlossen: Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Psycho- und Soziotherapie, Klinische Gruppenpsychotherapie, Medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie.

Im Unterschied zu den anderen Fachgebieten des Zentrums wurde damit das in der Approbationsordnung 1970 eingeführte Fach Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und die damit verbundenen Aufgaben in Forschung, Lehre und Krankenversorgung zunächst von drei Abteilungen (Psychosomatik und Psychotherapie, Psycho- und Soziotherapie, Klinische Gruppenpsychotherapie) repräsentiert.