Geschichte - Entwicklung der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie in Göttingen

Die Entwicklung des Faches in Göttingen von 1986 - 2007

1986 nahm Ulrich Rüger (geb. 1941), zuvor Oberarzt an der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Charlottenburg der Freien Universität Berlin, den an ihn ergangenen Ruf auf die Nachfolge von Hanscarl Leuner an. Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt beschloss 1988 die Medizinische Fakultät nach externer Begutachtung eine (partielle) Umstrukturierung des Zentrums Psychologische Medizin. Für das Fach Psychosomatische Medizin und Psychotherapie wurde eine Zusammenfassung der bis dahin auf drei Abteilungen aufgegliederten Zuständigkeiten in einer Gesamtabteilung unter der Leitung eines C4-Hochschullehrers empfohlen und von den zuständigen Gremien beschlossen. Mit dem Ausscheiden von Eckhard Sperling und im Rahmen der Bleibeverhandlungen von Ulrich Rüger (bei auswärtigem Ruf auf den Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie nach Düsseldorf - Nachfolge von Annelise Heigl-Evers) wurden die entsprechenden Beschlüsse 1989/91 umgesetzt und die personellen und sächlichen Ressourcen der Abteilung Psycho- und Soziotherapie der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie zugeordnet. Gleichzeitig wurde in Personalunion von Ulrich Rüger die Leitung der Ärztlich-Psychologischen Beratungsstelle für Studierende der Universität übernommen.

Der Forschungs- und Versorgungsbereich Familientherapie wurde nach dem Ausscheiden von Eckard Sperling im Rahmen einer Schwerpunktprofessur (C3) weitergeführt. Auf diese Professur wurde Manfred Cierpka , bis dahin Oberarzt der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie in Ulm, berufen. Ihm gelang es, von 1991 bis 1998 für diesen Bereich große wissenschaftliche Impulse zu setzen. Gleichzeitig war er maßgeblich mit bei den Beratungen beteiligt, die schließlich zur Anerkennung familientherapeutischer Behandlungsansätze in die vertragsärztliche Versorgung geführt haben.

Nach der Rufannahme von Manfred Cierpka nach Heidelberg 1998 übernahm die Leitung dieses Bereiches Günter Reich , der auch die Verantwortung für die Weiterführung des entsprechenden wissenschaftlichen Schwerpunktes und die familientherapeutische Weiterbildung hat.

In Weiterführung der Beschlüsse der Medizinischen Fakultät von 1988 wurde nach dem Ausscheiden von Karl König 1997 die Abteilung Klinische Gruppenpsychotherapie aufgelöst und die verbliebenen Mitarbeiter der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie zugeordnet. Der Zuwachs an personellen Ressourcen nach 1990/91 und nach 1997 erlaubte im klinischen Bereich den Ausbau des Liaison- und Konsiliardienstes und im wissenschaftlichen Bereich eine Verstärkung der vorhandenen Forschungsschwerpunkte.

Die strukturellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer ein wissenschaftliches und klinisches Fachgebiet arbeiten kann, bedingen nicht unmaßgeblich die Entwicklungsmöglichkeiten des betreffenden Gebietes. Insofern haben die Fakultätsratbeschlüsse von 1988 und ihre Umsetzung nach 1989 die Weiterentwicklung des Fachgebietes in Göttingen maßgeblich mitbestimmt. Auch wenn die Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie lange die "kleinste" der drei klinischen Abteilungen des Zentrums Psychosoziale Medizin geblieben ist, war die Bündelung der Ressourcen doch eine wesentliche Voraussetzung für die nachfolgende erfolgreiche Arbeit im Bereich Forschung, Lehre und Krankenversorgung. Auf dem Hintergrund eines differenzierten klinischen und poliklinischen Versorgungsangebotes konnte ein patientenbezogener Unterricht für angehende Ärzte durchgeführt werden. Last but not least war aber mit der Vergrößerung der Abteilung die für eine lebendige wissenschaftliche Diskussion notwendige „kritische Masse“ gewährleistet.

Drittmittelgeförderte wissenschaftliche Schwerpunkte der Abteilung lagen von 1986 bis 2007 in folgenden Bereichen: Krankheitsbewältigung (Coping) (Leibing, Schüssler, Rüger), evaluative Psychotherapieforschung (Leibing, Leichsenring, Rüger), Psychotherapieprozessforschung (Leibing, Leichsenring, Sammet, Staats) sowie spezielle Krankheitsbilder: Essstörungen (Cierpka/Reich), Generalisierte Angst, soziale Phobie (Leibing/Leichsenring) sowie in der Erforschung von interdependenten Prozessen bei komorbiden internistischen Erkrankungen und psychischen Störungen (Angst/Depression) (Herrmann-Lingen).

Von 1986 bis 2006 haben zwei jeweils langjährig tätige Leitende Oberärzte die Arbeit des Direktors der Abteilung nachhaltig unterstützt. Zunächst hatte Gerhard Schüßler , zuvor Freie Universität Berlin, diese Funktion inne. 1995 nahm dieser einen Ruf auf das Ordinariat unseres Faches in Innsbruck an – bei gleichzeitiger Ablehnung eines Rufes auf den Lehrstuhl in Münster. Danach war für über 10 Jahre Henning Schauenburg leitender Oberarzt, bis dieser 2006 an das Universitätsklinikum Heidelberg überwechselte, wo er seither die Position des Stellvertretenden Ärztlichen Direktors der Klinik für Psychosomatische und Allgemeine Klinische Medizin inne hat. Sein Nachfolger als Leitender bzw. Geschäftsführender Oberarzt wurde Ullrich Buss .

Leitender Psychologe der Abteilung ist seit 1996 Eric Leibing , der in dieser Funktion insbesondere für die methodische Begleitung und Organisation von Psychotherapiestudien verantwortlich ist und gemeinsam mit Falk Leichsenring mehrere drittmittelgeförderte multizentrische Studien zur Behandlung von Generalisierter Angst und Sozialer Phobie durchführte.

Darüber hinaus erstellte Falk Leichsenring mit seiner Arbeitsgruppe mehrere Metaanalysen zur Effektivität von psychotherapeutischen Behandlungsverfahren.

Die der Abteilung zugeordnete Schwerpunktprofessur wurde nach Annahme eines Rufes von Manfred Cierpka nach Heidelberg (1998) und der festen Etablierung der Familientherapie in der allgemeinen Versorgung thematisch umgewidmet und für den Aufbau eines Forschungsschwerpunktes Psychokardiologie genutzt. Nach längerjähriger wissenschaftlicher Aufbauarbeit durch Christoph Herrmann-Lingen erhielt dieser 2004 die entsprechende Schwerpunktsprofessur, die er bis zu seiner Berufung auf den Lehrstuhl in Marburg 2005 innehatte.
 
Zunächst ganz außerhalb der Universität hatte sich schon sehr früh im Göttinger Raum für das Fachgebiet der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie eine sehr bedeutsame Entwicklung vollzogen: Unter der Leitung von Gottfried Kühnel (1954 bis 1965) und Werner Schwidder (1965 bis 1970) entstand aus dem früheren Landeskrankenhaus Rasemühle das Landeskrankenhaus Tiefenbrunn - eine weit über die Landesgrenzen hinaus wirksame Modelleinrichtung für die stationäre Psychotherapie. Zwischen Joachim Ernst Meyer und Werner Schwidder kam es zu einer langjährigen wissenschaftlichen und freundschaftlichen Zusammenarbeit im Bereich der Lehre und ärztlichen Weiterbildung. Die gute Verbindung zwischen Tiefenbrunn und der Universität blieb auch nach dem frühen Tod von Werner Schwidder 1970 unter seinen Nachfolgern Franz Heigl (1971 bis 1985) und Ulrich Streeck (1985-2011) erhalten. 1998 erhielt das Landeskrankenhaus den Status eines Akademischen Lehrkrankenhauses.

Die schon zuvor enge Zusammenarbeit zwischen den beiden Institutionen wurde dadurch weiter vertieft, dass der Leiter des Bereichs Psychotherapieforschung der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie, Falk Leichsenring, von 2000 bis zu der Annahme eines Rufes nach Gießen 2007 in Personalunion auch die Leitung des Funktionsbereichs Dokumentation und Supervision des Landeskrankenhauses Tiefenbrunn innehatte. Damit wurden die personellen und organisatorischen Grundlagen für eine Reihe wichtiger gemeinsamer Forschungsprojekte gelegt. Auch nach der 2007 geänderten Trägerschaft der Landeskrankenhäuser existiert eine enge Kooperation zwischen der Fachklinik Tiefenbrunn und der Medizinischen Fakultät der Georg-August-Universität.

Soweit sie nicht bereits erwähnt wurden, lassen sich die wissenschaftlichen Schwerpunkte in der Zeit zwischen 1986 und 2007 auch an den Themen der abgeschlossenen Habilitationsarbeiten erkennen, die in der nachfolgenden Übersicht aufgeführt sind.