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Ein erheblicher Teil der ärztlichen Inanspruchnahme
bezieht sich auf sogenannte "psychogene Erkrankungen";
es handelt sich dabei um Erkrankungen, bei denen seelische Faktoren
eine wesentliche Rolle spielen. Ihr Anteil in den Arztpraxen ist
in Abhängigkeit von der Fachrichtung nach epidemiologischen
Studien auf 15% bis 50% der Klientel zu beziffern (vgl. Hoffmann
et al. 1990). Die Kosten durch Fehlbehandlung und Überdiagnostik
sind immens (vgl. Lamprecht, 1996).
Nosologisch handelt es sich um ein heterogenes
Krankheitsspektrum; gemeinsamer Nenner ist die ursächliche
Bedeutung psychischer Faktoren für die Entstehung, den Verlauf
und/oder die Prognose einer Erkrankung; der Ausbruch kann sich dabei
auf unterschiedlichen Ebenen manifestieren, häufig auf mehreren
zugleich:
- Psychische Ebene (z. B. Angst, Depression etc.)
- Körperliche Ebene (z. B. funktionelle Beschwerden)
- Verhaltensebene (z. B. Störungen im Eßverhalten)
- Ebene der sozialen Interaktion
Das diagnostische Spektrum des Faches umfaßt
dabei insbesondere folgende Krankheitsbilder:
Psychoneurosen (z. B. depressive Störungen, Angststörung),
funktionelle Störungen (z. B. Somatisierungsstörungen),
psychosomatische Erkrankungen im engeren Sinne, Persönlichkeitsstörungen,
Eßstörungen, die große Gruppe der somatopsychischen
Störungen, um nur die Hauptgruppen zu nennen. Darüber
hinaus finden in den letzten Jahren zunehmend auch traumatische
Belastungsreaktionen an Bedeutung und müssen sowohl im Bereich
der Begutachtung als auch in modifizierten Behandlungsansätzen
Berücksichtigung finden.
In der Regel treten bei den genannten Krankheitsbildern
körperliche und psychische Symptome gleichzeitig auf. Das heute
von der ICD 10 geförderte Multimorbiditäts-Konzept wird
dabei in seiner rein additiven Betrachtungsweise den individuellen
komplexen Störungen nicht gerecht und ist nicht in der Lage,
die Gesamt-Gestalt einer Erkrankung zu erfassen. Hierzu ist eine
Diagnostik nötig, die zwar die ICD berücksichtigt, über
diese aber hinausgeht und psychodynamische Aspekte einbezieht.
Das breite Spektrum psychogener Erkrankungen fordert
eine differenzierte und auf den Einzelfall bezogene Behandlungsindikation
und Behandlungsplanung. Vom äußeren Setting her findet
Psychotherapie in der Regel ambulant
statt. Für ein besonderes Indikations-Spektrum (s. u.) ist
aber der stationäre Behandlungsrahmen
unverzichtbar. Die psychosomatische Mitversorgung von stationären
Patienten der organmedizinischen Abteilungen ist über einen
entsprechenden Konsiliar-Liaisondienst
zu gewährleisten. Diese Funktion wird inzwischen auch von den
Kostenträgern anerkannt und bei entsprechenden Pflegesatzverhandlungen
berücksichtigt.
Psychotherapie findet nicht im freien Raum statt und muß das
soziale und familiäre Umfeld der betreffenden Patienten mitberücksichtigen.
Die Berücksichtigung von Familie und sozialem Umfeld bei einer
psychotherapeutischen Behandlung gilt heute als Selbstverständlichkeit;
in besonderen Fällen ist die Einbeziehung der Familie in die
Behandlung selbst notwendig (Familientherapie
im engeren Sinne). Daneben kommt es bei psychischen und psychosomatischen
Erkrankungen häufig auch zu sozialen Problemen (z. B. Arbeitslosigkeit,
Umschulungsnotwendigkeit etc.). Für diese Patientengruppe ist
die Hilfe durch einen Sozialarbeiter unverzichtbar.
Diese nur kurz skizzierten Versorgungsschwerpunkte
müssen im Rahmen einer universitären Einrichtung berücksichtigt
sein; andernfalls würden die angehenden Ärzte im Unterricht
für ihre Tätigkeit keine repräsentative Patientenklientel
kennenlernen; ebensowenig ließe sich ansonsten eine fundierte
Facharztweiterbildung verwirklichen. Auch für den Forschungsbereich
ist eine hinreichend differenzierte Krankenversorgung notwendig,
können doch nur so wissenschaftliche Fragestellungen von klinischer
Relevanz entstehen; denn empirische Detailergebnisse lassen sich
in ihrer Bedeutung nur im Rahmen eines breiteren klinischen Hintergrundes
erörtern.
Um dies zu gewährleisten, bedarf es einer hinreichend großen
Einrichtung mit einer Binnen-Differenzierung, die die oben geschilderten
wissenschaftlichen und Versorgungsschwerpunkte gewährleistet.
Mit der Vergrößerung und strukturellen Veränderung
der Abteilung 1989/90 und 1997 wurde hierfür in Göttingen
eine wesentliche Grundlage gelegt.
Die einzelnen Krankenversorgungs-Schwerpunkte der
Göttinger Abteilung werden in den entsprechenden Abschnitten
ausführlicher dargestellt:
Klinik (Station 4095, Station 2024)
Poliklinik / Ambulanzen
Konsiliardienst
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